caiman.de 04/2013

[art_4] Peru: Muyu Muyu und die Sonnenuhr der Quechua
 
Von Cuzco aus Richtung Norden in die zentrale Sierra auf dem Weg nach Ayacucho liegt nach 20 Busstunden die Ruine von Sondor am Pacucha-See.



Sondor ist ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten, mit der die Archäologie sich auseinander zu setzen hat, wenn sie sich mit einer Kultur ohne schriftliche Zeugnisse beschäftigt. Noch dazu, wenn die einzigen Zeitzeugen, die etwas Schriftliches hinterlassen haben, einer anderen Kultur entstammen und nicht unbedingt die Notwendigkeit einer objektiven Berichterstattung sahen. Sondor liegt an einem ausgezeichneten Punkt, der einen Rundblick von vielleicht zehn Kilometern Radius erlaubt. Die Hauptruine besteht aus den Resten einiger Häuser, einem gepflasterten Platz und der Pyramide Muyu Muyu.

Unstrittig ist, dass hier die Chanka gelebt haben, ein Zusammenschluss von Völkern, ähnlich dem der Wari.

Die Chanka waren ein kriegerisches Volk, und es ist sicher nicht übertrieben, dass sie der eigentliche Auslöser für die große Expansion des Inkareiches gewesen sind.

Es wird behauptet, dass Uskuvilca die Völker in einer großen Konföderation einte und als Hauptstadt das nahe Andahuaylas festlegte. Nach etwa hundert Jahren begannen sie sich in Richtung Osten auszubreiten. Zuerst fielen ihnen die friedlichen Quechuas zum Opfer. Ob sie deren Sprache zu diesem Zeitpunkt schon übernommen hatten, ist ungewiss. Relativ sicher ist jedoch, dass sowohl die Chanka als auch die Inka ihre Sprache von diesem Volk übernahmen. Dies lässt sich allerdings nicht aus dem Namen ableiten, wie man vermuten würde. Denn die Inka nannten ihre Sprache selbst runa simi (die Sprache der Menschen) und der Terminus Quechua wurde erst später von den Spaniern eingeführt.

Mit der Expansion berührten sich die damals noch bescheidenen Reiche der Inka und der Chanka, was letztendlich zum Krieg und fast zur Niederlage der Inka führte: Der Inka Viracocha war ein schwacher Feldherr und wusste den wilden Kriegern der Chanka nichts entgegen zu setzen. So zogen diese nach Cuzco ein, zerstörten Sacsayhumán und nahmen die Jungfrauen der Sonne in Besitz. Eigentlich müsste die Geschichte der Inka hier enden. Doch der vermeintliche Sieg machte die Chanka mit der Zeit unaufmerksam und so scharte der dritte Sohn Viracochas, der sich später Pachacutec nennen sollte, um das Jahr 1438 herum ein Heer um sich, das wie durch ein Wunder die Chanka besiegte.

Pachacutec ist es auch, der in den nächsten 25 Jahren die erste große Expansion der Inka vorantreibt. Aber er ist nicht nur ein andiner Alexander oder Dschingis Khan, sondern auch ein hervorragender Städteplaner. Sein Sohn Tupac Yupanqui ist ein mindestens ebenso großer Staatsmann und vollendet das Werk seines Vaters. Als er 1493 stirbt, erstreckt sich das Inkareich von Quito bis Santiago de Chile. Dieses Reich sollte allerdings gerade mal vierzig Jahre überdauern, bis Pizarro an der Küste Perus landete.

Wie man sehen kann, hat nicht viel gefehlt und statt der Inka hätte Pizarro die Chanka vorgefunden, deren Reichesmitte in Andahuaylas gelegen hätte. So aber wurden Orte wie das sehr wichtige Sondor von den Inka besetzt und auch für eigene Zwecke genutzt.

Vielleicht sind es die Baracken am Fuße von Muyu Muyu oder aber auch einfach die vom europäischen Mittelalter vorgeprägten Ideen, die die Chronisten dazu verleiteten, Sondor eine Festung zu nennen. Auch heute noch wird diese Idee vertreten und nur langsam setzen sich alternative Interpretationen durch.

So vertritt der Ingenieur Alfredo Mendoza die These, dass Muyu Muyu einen intiwatana beherbergt. Intiwatana sind heilige Orte der Anbetung der Sonne. Eine Besichtigung der Spitze der Pyramide scheint ihm recht zu geben: ein großer unbeschlagener Stein steht auf dem Platz, der sich vor einem öffnet, wenn man atemlos die vielen Stufen erklommen hat. Er lässt sofort an einen Altar denken.

Die Bauern der Umgebung bestätigen die Existenz des initwatana oben auf Muyu Muyu – ein Name, der sich vom Wort Muyu, Kreis, ableitet. Als Ort der Anbetung ist die Interpretation dieses Kegels als Festung eher unwahrscheinlich, auch wenn der Chronist Cieza de León 1532 von einer solchen spricht. Im gleichen Atemzug nennt er aber Muyu Muyu das "Haus der Sonne", was die Festungstheorie ins Wanken bringt. Unterstrichen wird Mendozas These zudem von Chronisten, wie zum Beispiel Jerónimo Benzoni, der von der Sonnenanbetung auf Muyu Muyu Zeichnungen anfertigte.



Der Körper der Pyramide besteht aus acht großen Terrassen, deren Geheimnis der Ingenieur Mendoza gelüftet zu haben glaubt. Ausgangspunkt seiner Theorie bildet die Bedeutung eines Kalenders für die Chanka, denn der Erfolg der Ernte hängt entscheidend vom Zeitpunkt der Aussaat ab.

Dies erforderte die Beobachtung von Sternen und Mond. Hierzu konstruierten die Chanka Muyu Muyu, eine gigantische Sonnenuhr, die jedoch nicht die Tageszeit, sondern die Jahreszeit misst. Am 21. Juni jeden Jahres fallen die ersten Sonnenstrahlen gegen 6:00 Uhr morgens auf die unterste Terrasse des Kegels. Dieser Tag markiert auch die Wintersonnenwende auf der südlichen Erdhalbkugel, also die längste Nacht des Jahres und das andine Neujahr.

In drei Monaten erreicht das Licht der aufgehenden Sonne die vierte und fünfte Stufe des Tempels, und nach weiteren drei Monaten, am 22. Dezember, der Sommersonnenwende, scheint das erste Licht des Tages um 7:15 Uhr, gemäß Mendoza, genau durch die beiden Steine oder den Sonnenaltar intiwatana auf den Gipfel der Ruine. Danach kehrt die Sonne zurück, bis sie am 21. Juni ihr erstes Licht wieder auf die unterste Terrasse wirft und damit das neue Jahr einläutet. Nach den Untersuchungen Mendozas ist Muyu Muyu also – neben einem Sonnentempel – ein gigantischer Kalender, der es den Chanka erlaubte, wesentlich präziser und einfacher wichtige Momente ihres Jahres, wie Saat und Ernte, vorherzusagen.



Dies widerspricht wesentlich der bisher geltenden Lehrmeinung und wenn die Argumente Mendozas auch sehr überzeugend scheinen, hat er es schwer einen definitiven Beweis zu erbringen. Die klassische Archäologie wird sich von dem Zeugnis der umliegenden Bauern, die auf dem Berg immer noch zu den angezeigten Zeiten ihre Feste feiern, nicht überzeugen lassen.

Text + Fotos: Nil Thraby

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