caiman.de 07/2003

Peru: Barocker Höhenrausch - Hommage an Cuzco

So ganz kann ich das alles noch nicht fassen. Meine Erwartungen waren hoch, doch sie sollten noch übertroffen werden. Ich stehe hier auf dem geschichtsträchtigsten und schönsten Platz Südamerikas und von allen Seiten stürmen Eindrücke und Bildmotive auf mich ein – erwartete und unerwartete: die ausladende Kathedrale, die Kirche des Triumphs und die Kirche der Heiligen Familie, alle aus goldbraunem Stein gemeißelt, links die prachtvolle Fassade der schon oft auf Fotos bewunderten Jesuitenkirche und der Turm des Klosters La Merced.

Dazwischen Barockhäuser mit reich dekorierten Holzbalkonen und Arkadengängen, gemächlich trabende Lamas, farbenfroh gewandete Indios, die ihre Alpaca-Decken und Amuletts mit garantierten Zauberkräften vor den Touristen ausbreiten. Im Hintergrund, wie eine Galerie des Schweigens, die auf diesen bunten Trubel herabblickt, die bewaldeten und erstaunlich grünen Gipfel von Viertausendern. Der Ort, an dem ich mich fasziniert im Kreis drehe bis mir schwindlig wird von der Vielzahl der Bilder, aber auch ganz banal aufgrund von Sauerstoffmangel, liegt in einer Höhe von 3500 Metern: die Plaza de Armas von Cuzco.

Qosqo – „der Nabel (der Welt)“, Machtzentrum des Inkareichs, das mit 5000 Kilometern Länge das größte Imperium auf amerikanischem Boden verkörperte – vor der Ankunft der Spanier. Was mögen Pizarro und die anderen Konquistadoren gefühlt haben, als sie am 15. November 1533 zum ersten Mal auf diesem monumentalen Platz standen, umringt von den zyklopischen Mauern der Tempel und Inka-Paläste? Ich frage mich, ob sie nicht auch an der Höhenkrankheit gelitten haben, schließlich kamen sie aus den Ebenen der Extremadura und Andalusiens. Ich bemerke zum Glück keine Symptome des „mal de la altura“, habe aber auch gut vorgesorgt. So verbrachte ich die Tage vor dem Flug von Lima nach Cuzco nicht in der peruanischen Hauptstadt, sondern auf 2700 Metern Höhe in Ayacucho. Und die Stewardess servierte mir noch im Flugzeug den ersten Coca-Tee, eine weitere Kanne habe ich direkt nach der Ankunft getrunken. Dieser Aufguss grüner Coca-Blätter schmeckt wie alles Gesunde leicht bitter, aber besser als erwartet. Nach ein paar Tagen kann man sogar süchtig danach werden. Hier oben ist er jedenfalls unentbehrlich und auch die Inca und ihre Vorfahren haben schon Coca-Blätter gegen die Höhenkrankheit gekaut – allerdings erst in deutlich höheren Lagen.

Schauplatz der Macht
Heute würden viele von Kopfschmerzen und Schwindel geplagte und nach Luft ringende Touristen sich wünschen, dass die Inca für ihre Hauptstadt einen niedriger gelegenen Platz gewählt hätten. Doch wer könnte etwas ausrichten gegen die Entscheidung des Sonnengottes? Dieser schickte, so erzählt die Gründungslegende von Cuzco, erbost über das Treiben der Menschen, seinen Sohn Manco Capac (den ersten Inca und legendären Stadtgründer) und seine Tochter Mama Occlo auf die Erde, um für Ordnung zu sorgen. Mit auf den Weg gab er ihnen ein goldenes Zepter und den Auftrag dort eine Stadt zu gründen, wo das Zepter sich ohne Schwierigkeiten in den Boden versenken lassen würde, dem Nabel der Welt. Etwa um 1200 unserer Zeitrechnung erfolgte die Gründung von Cuzco und in sehr kurzer Zeit gelang den „Söhnen der Sonne“ die Errichtung ihres riesigen Imperiums Tahuantinsuyu (Reich der vier Himmelsrichtungen). Inca Yupanqui, der erfolgreichste dieser inkaischen Konquistadoren, regierte von 1438 – 1471 und nannte sich ziemlich unbescheiden Pachacutec (Verwandler der Erde). Wieso ausgerechnet humanistisch gesinnte Intellektuelle, welche die spanische Herrschaft verdammen, gleichzeitig die theokratische Tyrannei der Inca romantisierend verklären, ist kaum nachvollziehbar. Denn die Grausamkeit und Effizienz, mit der die Inkaherrscher die besiegten Indiovölker unterdrückten, übertraf vielleicht die der Spanier. So erfanden die Inca das System der Mita (lebenslange Zwangsarbeit), das die Spanier dann teilweise übernahmen, aber keineswegs einführten, wie oft fälschlicher Weise behauptet wird. Solche Methoden ermöglichten der Inca-Aristokratie, deren Paläste rund um den Plaza de Armas standen, ihren luxuriösen Lebenswandel. Dieser hieß übrigens vor der Umbenennung durch die Spanier Huaccaipata (Platz der Freude).

Einfluss und die Privilegien der Inca-Aristokratie endeten jedoch keineswegs schlagartig mit der spanischen Eroberung. Zwar wurde Atahualpa auf Befehl Pizarros ermordet, gleichzeitig aber einer seiner Brüder zum Schatten-Inca gekrönt. Jahrzehntelang noch gab es solche Inca-Könige, die zwar keine reale Macht, aber gesellschaftliche Autorität ausübten, die von den Spaniern toleriert und für deren Zwecke genutzt wurde. Strebte jedoch einer der Schatten-Inca nach mehr Macht, statt nur dekoratives Aushängeschild zu sein, reagierten die Spanier mit äußerster Härte. So wurden 1572 auf diesem Platz Tupac Amaru I. und 1780 Tupac Amaru II. hingerichtet, der definitiv letzte Führer einer Rebellion, der den Titel Inca beanspruchte.

Vor den Spaniern hatten auch die Inca den Plaza de Armas für Schauprozesse, Hinrichtungen und Machtdemonstrationen aller Art genutzt. Die Spanier erkannten nicht nur die historisch-politische Bedeutung von Cuzco, sondern auch die sakrale Magie dieses Orts, die sie in ihren Bann zog. Obwohl sie Lima, die Stadt der Könige, als neue Hauptstadt gründeten, so blieb doch bis heute die heimliche Hauptstadt Perus El Cuzco. Schon kurz nach der Eroberung gründeten die Spanier in Cuzco eine Universität, ein Erzbistum und erbauten 50 monumentale Kirchen in nur 20 Jahren.

Doch abrupt muss ich meine Gedankenausflüge in die gloriose Vergangenheit unterbrechen, denn ich bin umringt von einer Gruppe geschäftstüchtig grinsender Eingeborener, von denen der Älteste höchstens zehn Jahre alt ist. Der erste will mir Inca-Cola zum doppelten Ladenpreis verkaufen, der zweite will mir die Schuhe putzen, der dritte Postkarten verkaufen (alles verschiedene!, wie er betont), der vierte zerrt mir am Ärmel und will mich zum besten Restaurant führen, und der fünfte will sich nur unterhalten und wissen, wo ich herkomme. Als ich alle fünf Angebote mit einem entschiedenen No! ablehne, wird das Grinsen in ihren Gesichtern nur breiter und natürlich lassen sie nicht locker. Also breche ich die Betrachtung der Plaza de Armas ab und trete vor den niedlichen Quälgeistern die Flucht in die Kathedrale an.

Ein Tempel der Barock-Ikonen
Eine Minute später stehe ich inmitten der Stille und des goldschimmernden Dämmerdunkels des riesigen Baus, der auf den Grundmauern des Inca-Palasts Kiswar Cancha errichtet und 1654 vollendet wurde und eigentlich aus drei Kirchen besteht: der dreischiffigen Kathedrale im Zentrum, an die sich rechts die Iglesia del Triunfo und links die Iglesia de la Sagrada Familia anschließen. Die Kathedrale wurde ursprünglich als Renaissance-Tempel angelegt, aber dann komplett barockisiert. In meinem Reiseführer habe ich gelesen, dass sie mit 400 (!) Barockgemälden dekoriert sei und hielt diese Zahl für übertrieben, doch bei Nummer 298 höre ich auf zu zählen.

Die Wände und sogar die Säulen der Kathedrale sind tapeziert mit Gemälden, an einigen Stellen bis hinauf zum Deckengewölbe, so dass man von den ganz oben hängenden Bildern ohne Fernglas kaum etwas erkennen kann. Fast alle diese Gemälde wurden im 17. und 18. Jahrhundert von Meistern der sogenannten Escuela Cuzqueña, der barocken Malerschule von Cuzco, geschaffen. Als Vorbild dieser Malerei diente vor allem der Sevillaner Barock, wobei den größten Einfluss die Künstler Murillo und Zurbarán ausübten. Doch sehr schnell entwickelte sich ein eigener, unverwechselbarer Stil hier in Cuzco. Denn fast alle Cuzqueñer Maler waren Mestizen und später zunehmend Indios, die auch auf vorspanische Merkmale und lokale Traditionen zurückgriffen. Das berühmteste Bild in der Kathedrale, das der christlichen Ikonographie unverkennbar den eigenen inkaischen Stempel aufdrückt, ist das „Heilige Abendmahl“ von Marcos Zapata, in dem Christus die segnenden Hände nicht über dem Osterlamm, sondern über einem gegrillten Meerschweinchen ausbreitet – seit Urzeiten die Nationalspeise in der zentralen Andenregion.

Die Darstellungen auf den Barockgemälden von Cuzco sind seltsam statisch und flächenhaft, meist ohne Perspektive gemalt, und mit idealisierten, überdimensionalen Hauptfiguren. Die Ähnlichkeit dieser Bilder mit russischen Ikonen ist manchmal verblüffend. Auch die dominierenden Farben erinnern an Ikonenmalerei, haben aber ihren Ursprung in der Inca-Tradition: kräftige Rottöne, wie sie seit Jahrhunderten in der Kleidung der Indios vorherrschen, und natürlich sehr viel Gold, auch in Form von Blattgold, das die Figuren einrahmt. Diese Edelmetal ist auch außerhalb der Gemälde in der Kathedrale reichlich vorhanden. Besonders schön glänzt der üppig vergoldete Hochaltar der Sagrada Familia mit zierlichen salomonischen Säulen und Gemälden, in denen die Farbe Rot dominiert. Rot und Gold leuchten aus allen Winkeln dieses Tempels, so auch der Baldachin über der am meisten verehrten Skulptur, dem dunkelbraunen gekreuzigten Christus aus dem frühen 16. Jahrhundert. Sie nennen ihn ehrfurchtsvoll den Señor de los Temblores (Herrn der Erdbeben). Während des großen Bebens von 1650 soll er die Stadt vor der totalen Zerstörung bewahrt haben; seitdem wird er als Schutzpatron von Cuzco verehrt. In diesem Zusammenhang kursiert die Theorie, dass es hier alle 300 Jahre ein katastrophales Erdbeben gibt, denn die Inca-Annalen berichten von einem verheerenden Beben im Jahre 1350 und das letzte apokalyptische Beben, bei dem große Teile von Cuzco schwer beschädigt wurden, fand 1950 statt.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich in diesem barocken Zaubertempel gewesen bin, wo ich jedes Zeitgefühl verloren habe. Es dämmert aber schon, als ich wieder hinaus auf die Plaza de Armas trete. Ich beschließe, noch schnell das nahe gelegenen Inca-Museum zu besuchen.

Die Reconquista der Inca
Das Archäologische Museum von Cuzco, erst vor kurzem in “Inca-Museum” umbenannt, befindet sich im Renaissancebau des Palacio del Almirante, der etwas versetzt über der Plaza de Armas thront. In zwei Stockwerken rund um den Patio gruppieren sich die Ausstellungssäle. Zunächst wird man mit den üblichen obszönen Keramikgefäßen der Moche und anderer präinkaischen Kulturen konfrontiert, die auf Haushaltsgeräten wie Krügen und Kannen neben kleinen Monstern bevorzugt verschiedene Sexualstellungen zeigen, von denen einige etwas bizarr oder zumindest anstrengend wirken. Spektakulärer als die Keramik sind die sehr gut erhaltenen Inca-Mumien, die mich mit ihren leeren Augenhöhlen anstarren, und wie zu erwarten war, die Goldschmuck-Exponate.

Natürlich widmet sich das Museum, gegliedert in Themenbereiche wie Landwirtschaft, Religion, Staat usw., fast ausschließlich der Inca-Kultur. Aufbau und Anordnung der Ausstellungen sind sehr gelungen, nur die Begleittexte sind oft ärgerlich. Denn während in jedem Saal die Grausamkeiten und Zerstörungswut der spanischen Eroberer detailliert beschrieben wird, wirken alle Kommentare zu den Inca, deren Staatsgebilde eine Diktatur par excellenze war, wie zensiert. Da wird beklagt, dass die Indios die Kirchen und Klöster der Spanier in Fronarbeit errichten mussten, und vergessen, dass diese Art der Zwangsarbeit von den Inca eingeführt worden war (als ob die riesigen Mauern von Cuzco oder Sacsayhuamán von Freiwilligen aufgetürmt worden wären!).

Die Idealisierung der Incaherrschaft und Hervorhebung der Inca-Monumente nimmt in Cuzco oft groteske Züge an. Sicher wird die Atmosphäre von Cuzco auch geprägt durch die faszinierenden, mörtellos aneinander gefugten Inca-Mauern und viele Traditionen der Inca durchdringen bis heute das Kunsthandwerk und Kulturleben in dieser Stadt. Aber – und das sollte auch endlich in den Reiseführern vermerkt werden – das wirklich Spektakuläre, was den Zauber des heutigen Cuzco ausmacht, sind nicht die schmucklosen Grundmauern der Inca-Gebäude, sondern die goldprunkenden Barockkirchen und die Kunst der Escuela Cuzqueña. Den Cuzco-Barock als „spanisch“ oder gar als „estilo colonial“ zu bezeichnen, wie es immer wieder von ahnungslosen Autoren formuliert wird, ist völlig falsch. Wenn auch die Vorbilder, die zunächst imitiert wurden, aus Spanien, vor allem aus Sevilla kamen, so wurde hier sehr schnell ein eigener Stil entwickelt, der sich von spanisch-europäischem Barock deutlich unterscheidet. Denn die Cuzqueñer Barockkünstler waren Indios oder Mestizen, die „exotische“ Elemente der lokalen Inca-Tradition einbrachten und einen Mischstil konstruierten, den man am treffendsten als „Mestizen-Barock“ definieren könnte. Und dies ist ein estilo local, kein estilo colonial.

Als ich das Inca-Museum verlasse und durch die nächtlich erleuchteten Gassen gehe, kommt mir der Gedanke, dass die Inca zumindest an diesem Ort gesiegt haben. Denn Cuzco ist eine reine Indio-Stadt: Bronzegesichter, wohin man blickt. Und über allem weht wieder die Regenbogenflagge – das Banner der Inca.

Text: Berthold Volberg