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[art_3] Venezuela: Los Roques
 
Der Traum vom Karibikurlaub, von menschenleeren, feinsandigen Stränden, kristallklarem Wasser, buntschillernden Fischschwärmen und romantischen Sonnenuntergängen… auf Los Roques wird er Wirklichkeit.

Gran Roque / Cayo Francisquí
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Das Archipel liegt rund 140 Kilometer nördlich von Caracas im offenen karibischen Meer und gilt als eines der exklusivsten Reiseziele Venezuelas. Es besteht aus 47 Inseln und rund 200 Sandbänken. 1972 wurde das Gebiet zum Nationalpark erklärt, um das empfindliche Ökosystem zu schützen. Hierhin zieht es vor allem die Wohlhabenden, die "Reichen und Schönen" des Landes, vorausgesetzt, sie sind bereit auf Bettenburgen und Glamourtempel zu verzichten, denn diese Bauten sucht man auf den Inseln vergebens. Der Status eines Nationalparks hat dem Archipel derartige Bausünden erspart und stattdessen nach außen hin unscheinbaren und beschaulich wirkenden Posadas das Feld überlassen.

Dafür kommen die Gäste jedoch in den Unterkünften auf ihre Kosten. Vollverpflegung und eine exquisite Küche, verbunden mit einem umfangreichen Ausflugsprogramm werden als Urlaubspaket angeboten und verkauft und garantieren einen unbeschwerten Aufenthalt, sofern man bereit ist, den entsprechenden, hohen Preis zu zahlen. Als Alternative bietet sich nur das Chartern einer Jacht auf dem Festland an, mit der man dann unabhängig in die Inselwelt eintauchen kann, was jedoch ein noch weitaus kostspieligeres Vergnügen sein dürfte. Allerdings muss an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass es einige "günstigere" Posadas gibt (günstig ist natürlich relativ, meint aber zumindest keine 150 Dollar pro Nacht), die es auch für Touristen mit schmalerem Budget möglich machen, hierher zu reisen. Dennoch bleibt es ein vergleichsweise teurer Spaß.

Cayo Muerto und die Inselgruppe Noronquises
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Die einzige dauerhaft bewohnte Insel und zugleich auch der einzige Standort für touristische Unterkünfte ist die Hauptinsel Gran Roque. So gut wie alle 1000 Bewohner des Archipels leben hier. Tourismus und Fischfang bilden die beiden Haupteinnahmequellen. Gran Roque beherbergt auch den einzigen Flughafen des Archipels, auf dem die in der Regel sehr kleinen Maschinen aus Caracas oder jene mit Tagestouristen von der Isla Margarita starten und landen.

Wenn die Ankömmlinge den Maschinen entsteigen, sind die beeindruckenden Bilder, die sich ihnen beim Überflug der Inseln bis zur Landung boten noch ganz frisch. Nach einem vom Flughafen Caracas aus rund 40 minütigen Flug über dem tiefblauen Meer taucht am Horizont die lang gezogene Riffkante des Archipels auf, welches dieses von Süden her gegen die offene See abschirmt und dann beim Überflug unzähligen Korallenbänken weicht, die in einer riesigen Lagune, der unberührten Kernzone des Nationalparks, ungestört von menschlichen Eingriffen, wachsen und gedeihen (schon 1986 hat die venezolanische Nationalparkbehörde INPARQUES eine Zonenaufteilung des Archipels vorgenommen, die festlegt in welchen Abschnitten welche touristischen Aktivitäten erlaubt sind).

Cayo Krasquí
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Der Flieger streift einige unbewohnte Inseln mit ihrem typischen trockenen Bewuchs, bevor er dann zum Landeanflug ansetzt. Zum Flug selbst ist auch noch anzumerken, dass es häufig ungewohnt kleine Propellermaschinen sind, die die Route befliegen. Der Pilot ist dabei zumeist gleichzeitig auch der Gepäckträger und einen Copiloten sucht man häufig vergebens. Dies wirft aber auch die Frage auf, was geschieht, wenn dem Piloten während des Fluges etwas zustößt – zu einem Absturz gibt es dann wohl keine Alternative.

Die Insel Gran Roque liegt im nördlichen Teil des Archipels. Von hier aus starten täglich die Ausflugsboote zu den Nachbarinseln, denn auf der Gran Roque selbst gibt es keine (zumindest im Vergleich zu den anderen Inseln) attraktiven Bademöglichkeiten. Nahezu jede der teureren Posadas hat eigene Boote für ihre Gäste, die am Morgen, zumeist gegen 10 Uhr, bepackt mit Sonnenschirmen, Kühlboxen, Lunchpaketen und erwartungsvollen Touristen ablegen. Da auf den Nachbarinseln nahezu jegliche Infrastruktur fehlt (bis auf einige Hütten und ein paar verstreute Strandbuden) wird jeden Tag alles aufs Neue mitgebracht. Den Tag verbringt man dann am Strand inmitten einer unberührt wirkenden Natur, dösend, schwimmend, verweilend. Kein Hochglanzprospekt könnte traumhaftere Bilder kreieren... Einzig die Palmen fehlen, deren Schatten spendende  Wirkung tatsächlich eine Wohltat wäre, was aber angesichts der Umgebung verschmerzbar ist.

Cayo Matrizquí / Cayo Pirata
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In diesem Rhythmus könnte sich das Leben einpendeln, gerne über Wochen hinweg. Schwimmen, tauchen, im Schatten ruhen, ein gutes Buch lesen und sich einfach nur den sanften warmen Wind um die Nase wehen lassen, der das Wasser in den Buchten nur ganz leicht kräuselt, dessen Klarheit bunte Fische erkennen lässt, die sich zwischen den Korallentürmen tummeln.

Kontrastierend zu dem grandiosen touristischen Potenzial der Inseln wirkt die Siedlung auf Gran Roque, in welche auch alle Posadas eingebettet sind, nicht übermäßig attraktiv. Dies verwundert angesichts der Einfachheit, mit der sich einiges umgestalten ließe. Blickt man etwas in die Hinterhöfe oder an den Siedlungsrand, stößt man auf wilde Schutthalden und kleinere Müllberge, deren Abtragung keine großen Probleme bereiten dürfte, wenn denn daran Interesse bestehen würde. Ich bitte diese Kontrastierung nicht als Plädoyer für eine ruh- und rastlose Arbeitsethik zu missverstehen, im Gegenteil. Diese Verhältnisse verweisen vielmehr, wie häufiger in touristisch geprägten Regionen in Venezuela feststellbar, auf bestimmte lokale Umstände wie der sozialen Zusammensetzung vor Ort und Fragen des Bildungszugangs, jedoch auch auf eine seltsame Form von Selbstgenügsamkeit, die jedoch, aufgrund ihrer Konsum orientierten Attitüde, nicht sympathisch wirkt, sondern eher schroff und abgeklärt.

Boca de Agua
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Nichtsdestotrotz handelt es sich um eines der schönsten Urlaubsgebiete, die mir je untergekommen sind und Los Roques ist meiner Meinung nach für jeden Reisenden ein Muss.

Text: Christoph Beyer
Fotos: Dirk Klaiber

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